Die UGA-Connection

von Bert Schönauer

Gleich hatte er es geschafft. Nur noch zwei Kurven und ein kleines Stück geradeaus, dann war die Sportanlage erreicht, und dort würde er sich mit seinem schmalen Roller durch die Lücke zwischen der Schranke und dem danebenstehenden Baum zwängen. Dahin konnte ihm das Auto nicht folgen, und bis es um die komplette Anlage herumgefahren war, würde er bereits oberhalb des Fußballplatzes im Wald verschwunden sein.
Er vergewisserte sich, dass die Kamera sicher an ihrem Platz war, und gab der kleinen italienischen 125er noch einmal die Sporen. Das Sechs-PS-Motörchen heulte auf, ohne dass der Roller nennenswert an Geschwindigkeit zulegte; immerhin trug er seinen Fahrer so flott über den weichen, moosigen Waldweg, dass der Verfolger nicht entscheidend näher kam. Das war genau die richtige Wahl für meine Zwecke, dachte er mit einem kleinen Anflug von Stolz. Und fragte sich, warum sie, um ihn durch den Wald zu jagen, den tiefergelegten Audi genommen hatten, den er auf dem Hof des observierten Anwesens gesehen hatte, und nicht den Geländewagen, der ebenfalls dort stand.

Er bog um die letzte Kehre und sah die Schranke, die den Parkplatz des Sportplatzes begrenzte, unmittelbar vor sich. Fast geschafft! dachte er erleichtert.


Es traf ihn ohne jede Vorwarnung von rechts. Weder hatte er es kommen sehen noch über das knatternde Motorgeräusch des Rollers hinweg irgendetwas gehört. Sie mussten geahnt haben, welche Strecke er nehmen würde, und hatten sich an genau der richtigen Stelle postiert. Die Stoßstange des Jeeps – nun wusste er auch, wo der Lada Niva von vorhin abgeblieben war – traf sein Hinterrad so präzise, dass der Roller sich einmal vollständig drehte und er seitlich ins Unterholz flog.

Zum Glück prallte er nicht gegen einen Baum, sondern landete im weichen Gestrüpp neben dem Waldweg. Und war so geistesgegenwärtig, sich noch in der Luft so zu drehen, dass er mit dem gesunden Arm aufkam. Er tastete nach der Kamera, die sich immer noch am Halsriemen befestigt unter der Jacke befand und unbeschädigt zu sein schien. Gerade als er sich aufrappeln wollte, traf ihn ein fürchterlicher Schlag am Hinterkopf, und alles wurde dunkel.

Er erwachte von einem unkontrollierten Schaukeln und unsäglichen Schmerzen am rechten Arm. Offenbar war er an irgendetwas festgekettet und hing ansonsten frei in der Luft. Er schrie auf und versuchte, in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Aber die Nacht war stockfinster, weder Mond noch Sterne waren am Himmel zu sehen.


Plötzlich spürte er, wie seine Füße und Hosenbeine nass wurden. Wieder schrie er auf, diesmal mehr vor Entsetzen als vor Schmerz. Nun empfand er nackte Angst; er war sicher, er würde jetzt sterben, aber das Wie bereitete ihm tatsächlich noch größere Sorgen. Was haben die mit mir vor? dachte er voller Panik.

Im nächsten Moment flammte ein helles Licht auf. Ein Suchscheinwerfer, sagte er sich. Und nun sah er auch, woran er hing. Er war an den Roller gekettet und baumelte mitsamt diesem an der Seilwinde eines Traktors, die ihn langsam, aber stetig in ein dunkles, kaltes Gewässer hinabließ. Oh mein Gott, hilf mir, flehte er.

Nun hörte er eine Stimme, die kehlig lachte.
»Das hättest du dir nicht träumen lassen, dass dein Weg so endet, was?«, gluckste der Unsichtbare. »Und das alles für nichts. Wir haben die Kamera, und keiner wird je die Fotos sehen, die du geschossen hast. Und niemand wird dich hier jemals finden. Good bye, Schnüffler.«

Er antwortete nicht. Was hätte er auch sagen sollen? Stirb wie ein Mann, sagte er zu sich und klammerte sich an den letzten Rest Selbstachtung. Wenigstens haben sie die anderen Beweise nicht gefunden. Dann hat meine Mission vielleicht doch noch Erfolg gehabt.

Nun surrte die Seilwinde schneller nach unten. Er hatte mittlerweile festgestellt, dass es eine stählerne Handschelle war, die ihn an den Roller band. Dann gibt es nur noch einen Weg, dachte er, als ihm das übelriechende, brackige Wasser über den Kopf stieg. 

Und biss zu.

Corona-Mord

Akono Torunarigha berührte vorsichtig seine verbrannte Stirn. Seit mittlerweile zwölf Tagen hockte er mit den beinahe fünfzig anderen Flüchtlingen in dem maroden Holzkahn mit dem altersschwachen, stinkenden Dieselmotor. Die Sonne brannte unerbittlich vom wolkenlosen Himmel und bescherte selbst ihm, dem dunkelhäutigen Afrikaner, unangenehme Verbrennungen.

Vor fast drei Wochen waren sie von einem der Flüchtlingslager in Maiduguri im Norden Nigerias aufgebrochen und mit dem Bus vier Tage lang in brütender Hitze nach Saint-Louis im Nordwesten des Senegal gefahren. Dort hatten sie weitere zwei Tage im Bus ausharren müssen, bis die Schleuser sie endlich an Bord des Seelenverkäufers ließen. Die Hitze und die fehlenden Möglichkeiten, sich waschen oder ihre Notdurft vernünftig verrichten zu können, hatten alle an die Grenze ihrer Belastbarkeit getrieben. Drei von ihnen, darunter ein Kind, sogar darüber hinaus – sie waren während der Bootsüberfahrt gestorben und von den Schleusern einfach über Bord geworfen worden. Akono hatte das alles ohnmächtig mitansehen müssen. Obwohl ausgebildeter Arzt, konnte er mangels Ausrüstung und ohne jegliche Medikamente niemandem auf dem Boot helfen. Lediglich reden konnte er und versuchen, den Menschen, die aus dem unbeschreiblichen Elend ihres Flüchtlingslagers gleich in die nächste Katastrophe geraten waren, ein wenig Hoffnung zu machen. Hoffnung darauf, dass es in Europa besser werden würde. Aber selbst dabei fühlte er sich unbehaglich, wusste er doch, dass sich der Traum eines besseren, sichereren Lebens für die meisten nicht erfüllen würde.

 

Plötzlich vernahm er Aufruhr im vorderen Teil des Bootes. Die Menschen riefen aufgeregt durcheinander. Offenbar war Land in Sicht. Akono stand auf und versuchte, an den anderen Passagieren vorbei einen Blick zu erhaschen. Es sah tatsächlich so aus, als steuerten sie auf eine Insel zu. In der Ferne sah er braune Berge mit unregelmäßigen Schattenspielen – mittlerweile waren ein paar vereinzelte Wolken aufgezogen – und davor kleine weiße Flecken. Das müssen Häuser sein, Dörfer, Städte, folgerte er. Vielleicht die Kanarischen Inseln?

 

War das die Freiheit?

Der Klang des Todes

von Tan Prifti

Eine kurze, spannende Geschichte liegt vor euch. Louis ist eine einfache Frau, die ihr Leben lebt und sich mit ihren Problemen und ihrem Schicksal bis zum Ende auseinandersetzt. Um mehr darüber zu erfahren, wie sich die Ereignisse entwickeln, lesen Sie dieses Buch.

Es wird Sie mit seinen Emotionen packen und Sie die Geschichte hautnah miterleben lassen.
Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen. 

Sohen: Unvergesslicher Bruder

von Tan Prifti


Tränen können weggewischt werden, aber der Schmerz ist so groß wie ein Ozean. Er trifft tief in dein Herz und die offene Wunde schließt sich nie leicht. So groß war der Schmerz für Sohen. Der Junge war gerade achtzehn geworden, und sein Schmerz war weit größer als der seines Bruders Madir. Madir war der ältere Bruder, fast zwanzig Jahre alt. Es waren zwei Jahre vergangen, seit ihre Eltern bei dem Unfall ums Leben gekommen waren. Beide Brüder lebten jetzt bei ihrer Tante Sofie. Die alleinstehende Frau in den Sechzigern hatte sich um die beiden Waisensöhne gekümmert. Das kleine Dorf befand sich inmitten von Bergen, umgeben von Bäumen, in denen das Weiß des Schnees so gut wie nie fehlte. Beide Brüder hatten die Schule abgebrochen. Madir assistierte seiner Tante bei verschiedenen Arbeiten im Stall und auf dem Feld und vielen anderen Tätigkeiten. In dem kleinen Dorf war das Leben nicht einfach. Sohen stand allein und isoliert in seiner düsteren Welt. Das Einzige, was ihm gefiel und Freude machte, waren die Texte, die er schrieb. Alles, was in seinem Kopf herumging, stand bald auf den Seiten seines Tagebuchs. Er schrieb auf, was er fühlte, und seine Tränen verwandelten sich in Buchstaben und Buchstaben in Worte, eine Mischung aus Farben zwischen Trauer und Zukunft. 

Kuckuck auf Mandarin

von Norberta Rompott

An einem schönen Tag im Mai war es soweit. Ich hatte den ganzen Morgen damit verbracht, meine Wohnung zu säubern und die vielen Hundehaare zu entfernen und war erst nachmittags, nachdem die Kinder versorgt waren, zur Galerie aufgebrochen. Als ich unter Glockengeläut den Ausstellungsraum betrat, wurde ich bereits von einem geheimnisvoll grinsenden Heiko und unerwartet auch von Lisa erwartet. Ich ließ meinen Blick zur Besprechungsecke wandern und sah bestätigt, was meine Nase mir bereits signalisiert hatte: Frischer Kaffee duftete mit offenbar ebenso frischen Schollins-Mohnschnecken um die Wette.
„Was ist denn hier los? Feiern wir heute tausend Jahre Donnerstag, oder was?“, versuchte ich mich an einem lahmen Witz.
Heiko sagte nichts und schaute mich nur schmunzelnd an.
„Es ist doch nicht …..“, stammelte ich, als mir klar wurde, was los war.
„Es ist, mein Schatz, es ist. Das Ergebnis ist da.“
Der Rest war Nebel, war Ungläubigkeit, war Tanzen, war Genugtuung, war Lachen und Weinen gleichzeitig.
Heiko präsentierte mir das Testdiagramm des Oxforder Instituts (das er bei seinem nachfolgenden Bericht in „Kind der Lüge“ natürlich zur Universität Oxford machte; seine diesbezügliche Kreativität war mir ja mittlerweile sattsam bekannt); dieses zeigte eine asiatische Abstammung von sechs Prozent.
„Das ist aber nicht besonders viel, Heiko. Hatte Dr. Jäger nicht ….“. Sofort fiel mir Heiko ins Wort. „Papperlapapp. Das sind genau sechs Prozent zuviel. Wärst du nicht asiatischer Abstammung, müsste da eine Null stehen. Das ist doch logisch.“
„Ja, vermutlich hast du recht, Heiko.“
„Ja neä, klar hab ich recht. Wir haben jetzt den Beweis für den Ehebruch deiner Mutter in den Händen. Und jetzt müssen wir überlegen, wie wir damit umgehen.“
„Was meinst du damit?“
„Wir müssen das jetzt der Öffentlichkeit präsentieren und dann warten, wie die Reaktion deiner Eltern, vornehmlich deiner Mutter, aussieht. Aber dazu sollten wir das Diagramm noch etwas auffrischen, denn die Leute, die das lesen, kennen ja die Hintergründe des Tests nicht und würden am Ende vielleicht auch am Ergebnis zweifeln. Deshalb schlage ich vor, ich bearbeite das Diagramm in PowerPoint und setze die Prozentzahl auf vierzig hoch. Damit bleiben wir unter den fünfzig, dann fällt es nicht so auf. Fuchs kannst halt nicht lernen, Fuchs musst du sein“, schloss er selbstzufrieden.
„Aber das ist Manipulation!“
„Ja, aber das spielt doch keine Rolle. Die asiatische Abstammung ist bewiesen, da ist es doch vollkommen egal, wieviel Prozent es sind. Das sind doch nur Zahlen. Wichtig ist nur, dass man uns glaubt. Aber jetzt stoßen wir erst einmal auf das Ergebnis unserer Recherchen an.“